Auslandssemester in Kalkutta
 



Auslandssemester in Kalkutta
  Startseite
  Über...
  Gästebuch
  Abonnieren
 


 
Letztes Feedback

http://myblog.de/mheck

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Indien

Seit ein paar Tagen bin ich nun wieder in Deutschland und so langsam gewöhne ich mich an die Kälte (zumindest im Vergleich zu Indien), leere Straßen, wenig Verkehr, gute Luft und den Weihnachtschmuck und -baum.

Während meiner Zeit in Indien habe ich mich hier auf meinem Blog zurückgehalten viel über die indische Kultur zu schreiben. Das hat seine Gründe. Der erste davon ist die Größe dieses Landes. Der zweite davon die Masse der Einwohner dort und damit verbunden die vielen verschiedenen Kulturen und Religionen, die dort leben. 

Indien ist mehr als 9 mal so groß oder größer als Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Großbritannien, die Benelux-Länder, Schweiz und Österreich. Man stelle sich vor West-Europa wäre ein Land. Und genauso wie diese Länder kulturell unterschiedlich sind, gibt es auch sehr große Unterschiede in Indien. Es gibt 18 offizielle Sprachen und über 300 anerkannte Dialekte. Die zwei offiziellen Amtssprachen Englisch und Hindi sind davon nur ein Bruchteil. Ob jemand in Indien aus dem Norden, Nord-Osten oder Süden des Landes kommt lässt sich oft schon relativ leicht an der Hautfarbe und dem Aussehen der Menschen erkennen. Der Vereinigungsprozesse der EU über Jahre hinweg steht im Gegensatz zu der Gründung des modernen Indiens als ein Land vor mehr als 60 Jahren. 

Indien ist ein geographisch, kulturell, sozial und wirtschaftlich sehr diverses Land. Wenn man bereits den "typischen Deutschen" beschreibt muss man starkt vereinfachen. Daher finde ich es schwierig über Indien oder "die Inder" eine Aussage zu treffen. Was das Land zusammen hält ist die grundsätzliche Toleranz anderer Religionen und Herkünfte die jedem Inder mit auf den Weg gegeben wird. Es kommt immer wieder zu (auch gewaltsamen) Konflikten zwischen Hindus und Muslimen und es gibt einige regional-nationalistische Parteien, die gegen die Profite ausländerischer Firmen wettern und die (teilweise) Muslime gerne als Bürger zweiter Klasse behandeln. Diese Strömung findet man aber nicht auf nationaler Ebene stark vertreten und Fremdenhass findet man in diesem Land alles in allem sehr selten. Es gibt auch einige Strömungen, die für eine verstärkte oder komplette Autonomie ihrer Regionen werben. Momentan sind diese Bewegungen aber (noch) nicht sehr stark. Indien ist sicherlich keine Musterdemokratie und mit dem Rechtsstaat ist es noch ein langer Weg (wie die jüngste Vergewaltigung einer Studentin gezeigt hat), aber es ist schon ein kleines Wunder, dass dieses Land seit seiner Gründung nicht weiter auseinandergefallen ist.

Der Blick in Indien richtet sich vor allem zum großen Nachbarn China hin. Der Westen mit Europa und den USA sind zwar wichtig für die Weltpolitik und als Wirtschaftspartner, aber der Vergleich wird immer mit den Chinesen gezogen. Ein Ausdruck dafür ist, dass man an der Grenze mit dem Schild begrüßt wird "Willkommen in der größten Demokratie der Welt". Beide Ländern war vor 50 Jahren eher unbedeutend für ihre Größe im Weltgeschehen und der Lebensstandard war weit hinter den westlichen Ländern zurück. In den letzten 20 Jahren habe beide Länder jedoch ein beinahe ungebrochenes Wirtschaftswachstum erlebt. China ist in der Entwicklung Indien dabei aber in den letzten Jahren deutlich enteilt. Das Pro-Kopf-Einkommen in China ist höher wie in Indien, es gibt weniger Arbeitslose, die Armutsrate ist geringer (wobei es in beiden Ländern noch starke Unterschiede gibt und auch viele arme Gegenden), die Alphabetisierungsrate ist höher.

Die Liste der Gründe für diesen Unterschied in der Entwicklung ist lang. Sie reicht von den unterschiedlichen historischen Einflüssen, dem politischen und gesellschaftlichen System und der Wirtschaftspolitik bis hin zu den geographischen und kulturellen Unterschieden. Letzteres zeigt sich darin, dass die ethnische Diversität in Indien um einiges größer ist als in China. In China sind 90% der Bevölkerung Han-Chinesen während mit 72% die Indoarier in Indien die größte Bevölkerungsgruppe unter vielen darstellt.

Was jedoch viele Inder vereint ist, dass sie eine relativ große Gelassenheit an den Tag legen und der Alltag viel weniger strukturiert ist wie bei uns. Das zeit sich an Kleinigkeiten wie der Pünktlichkeit zu ausgemachten Treffpunkten oder das Fristen für die Abgabe von Projekten in der Uni regelmäßig verschoben wurden bzw. die meisten Professoren eine Abgabe nach der Frist nicht als tragisch empfunden haben. Der Inder lebt mehr in den Tag hinein und denkt weniger darüber nach was morgen sein könnte. Das Leben gelingt dort eher nach dem Motto "man muss die Dinge nehmen wie sie kommen". Für unser eins endet diese Haltung oft im scheinbaren Chaos oder wird als Faulheit gewertet. Für ein Land, indem viele Menschen nicht wissen, ob sie den morgigen Tag überleben und oft heftigen Extremen ausgesetzt sind (von Monsoonregen bis hin zu größter Trockenheit und Hitze) ist es vielleicht nicht die schlechteste Mentalität.

Das andere prägende Element Indiens ist die Masse seiner Einwohner. Bei 1,3 Mrd Einwohner muss man wirklich sehr lange suchen, bis man einen Ort gefunden hat an dem man wirklich alleine und für sich ist. So etwas wie Privatsphäre gibt es kaum oder gar nicht. Das macht die Inder sehr offen für einander und es gibt eine starke Gruppendynamik. Auch die Familiengemeinschaft steht dort viel stärker im Vordergrund als bei uns. Eine Psychologieprofessorin hat gemeint, dass die Inder nicht in der Lage wäre impersonale Beziehungen zu führen. Denn man wird von Fremden auf der Straße schon einmal gerne mit (für uns) relativ persönlichen Fragen gelöchert: Was man von Beruf sei, wie viel man verdiene, ob man verheiratet sei und Kinder habe, wie alt diese wären etc. Für die Inder ist dies keine Aufdringlichkeit, sondern sie sind gewöhnt daran, dass es kaum Geheimnisse gibt. 

Eine weitere Folge der Masse der Bevölkerung ist, dass sich aber auch eine gewisse Ellenbogenmentalität entwickelt hat. Egal ob es um den Arbeitsplatz, die Fahrkarte für den Zug, den Sitzplatz im Zug oder teilweise das Essen geht, in diesem Land hat man immer vielmehr Konkurrenz als in Europa. Dies wird dadurch verschärft, dass die Resourcen meistens auch noch knapp sind. Es gibt zum Beispiel zwar ein relativ breites Angebot an Zügen, aber in Relation zu den potenziellen Passagieren ist das Angebot zu gering. Züge sind sehr schnell ausgebucht und es gibt oft Wartelisten für Fahrkarten. Mit dem Job ist es ähnlich. Wirklich gutbezahlte Jobs gibt es wenige im Vergleich zu den Arbeitssuchenden. Daher ist es für die Studenten um einiges wichtiger an einem Institut mit sehr gutem Ruf zu studieren. Die Bewerber zu Aufnahmequote für das IIMC liegt bei 300:1. Weniger als 1% aller Studenten, die die Aufnahmeprüfung ablegen, werden am Ende tatsächlich an die Universität aufgenommen.

Wer in diesem Land etwas will, der lernt, dass er selbst dafür sorgen muss es zu bekommen und nicht darauf warten kann, dass es ihm jemand gibt. Im Unterricht für das dann zum Beispiel dazu, dass mündliche Beiträge von Studenten einfach in den Raum hineingeredet werden ohne auf eine Aufforderung vom Professor zu warten und manchmal auch ohne Rücksicht darauf ob ein anderer Student gerade redet. Der Konkurrenzkampf ist am IIMC noch einmal um einiges höher als in Mannheim. Dies liegt auch daran, dass die Studenten direkt um die gleichen Stellen konkurrieren. Jedes Jahr kommen Firmen mit Jobangeboten für die Absolventen auf den Campus. Sich direkt bei einer Firma außerhalb der Universität zu bewerben ist ziemlich aussichtslos. Daher ist man zunächst mit den anderen Studenten in Konkurrenz von einer Firma zum Bewerbungsinterview eingeladen zu werden und danach mit den anderen Bewerbern um 1 oder mehrere Stellenangebote der gleichen Firma. Man freut sich zwar für diejenigen die ein Angebot letzten Endes bekommen, aber der- oder diejenige ist auch gleichzeitig ein Konkurrent.

5.1.13 16:43
 


Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung